Kommentar

Klischees im Roman

Die Leipziger Buchmesse ist schon wieder seit ein paar Wochen vorbei, aber die Eindrücke bleiben bei mir. Ich habe nicht nur viele Leute getroffen und etliche Bücher gekauft, ich habe auch einige spannende Vorträge gehört. Wie zum Beispiel den Vortrag von Susanne Pavlovic zum Thema „Männlich, weiblich, fluid, divers – vom kreativen Umgang mit Geschlechterklischees“. Ohne jetzt den ganzen Vortrag zu wiederholen versuche ich mal zusammenzufassen: Klischees gibt es, wir benutzen sie, sie sind auch nicht grundsätzlich schlecht. Aber sie nutzen sich ab. Einige nerven schlichtweg und andere sind so rückwärtsgewannt, dass sie hoffentlich irgendwann aussterben. Warum also werden sie von Autorinnen (und Susanne Pavlovic betont, dass es sich wirklich meistens um AutorINNEN handelt) immer noch so häufig verwendet? Eine interessante Theorie liefert sie im Vortrag gleich mit: Die Autorinnen sind sich oft gar nicht im Klaren, was sie da tun. Wenn sie als Lektorin das anspricht, fallen sie aus allen Wolken: Was? Wirklich? Nein, so war das nicht gemeint. Setzen sie sich also nicht genug mit ihren Figuren auseinander?

Susanne Pavlovic führt aus, dass sie nicht nur immer die gleichen Storys lesen muss (Millionär und Studentin; Frauen wollen irgendwas erreichen, dann kommt der Mann und sie vergessen alles), sondern dass es auch generell an der Sprache hapert. Frauen schlüpfen durch Türen, huschen die Treppen nach oben müssen sich ständig irgendwas verkneifen. Jede moderne Frau, wie die Lektorin ausführt, geht durch die Tür, geht die Treppe nach oben und will sich auch nichts mehr verkneifen müssen, wenn es um Sex geht. Warum auch? Das haben wir doch eigentlich schon seit den 70ern hinter uns. Und das ist immerhin schon fast 50 Jahre her.

Warum beschäftigt mich das Thema immer noch so? In meinem Arbeitsleben als Sozialarbeiterin treffe ich mich regelmäßig mit einer Gruppe Mädchen aus der 7. Klasse und wir sprechen über Themen, die sie interessieren. Als es um das Thema Liebe ging waren sich alle sicher, dass die Jungs den ersten Schritt machen müssen. Ein Gedanke, von dem ich erwartet habe, dass er den Mädchen in dieser aufgeklärten Zeit gar nicht mehr kommt. Wie kann ich also hoffen, dass aus ihnen selbstbewusste und vor allem eigenständige Frauen werden, wenn ihre Heldinnen das eben nicht sind. Gerade im Jugendroman ist das nämlich besonders bedenklich. Wie ist denn zum Beispiel Bella, aus Twilight? Ihr Typ lässt sie im zweiten Band stehen und dann schafft sie nichts mehr. Mehrere Wochen sitzt sie einfach rum und sie muss sich sogar in Lebensgefahr bringen, um überhaupt noch etwas zu fühlen. Frauen werden also hilflos, wenn sie nicht mehr von einem Mann begleitet werden. Haben nicht mal 100 Jahre Frauenwahlrecht gereicht, um uns davon zu befreien?

Einige werden jetzt vielleicht sagen, dass das eine ganz schön negative Meinung ist. Es gibt ja auch positive Beispiele im Roman. Eine Katniss lässt sich sicher von keinem Mann sagen, was sie genau tun soll. Aber ich bin mir sicher, dass Vorträge wie Susanne Pavlovic sie hält, öfter gebraucht werden. Ich bin ganz ihrer Meinung, dass sich Autorinnen mit ihren Texten auseinandersetzen müssen und wissen sollten, was sie mit Sprache und Klischees bewirken können. Deswegen möchte ich den Aufruf der Lektorin noch mal aufgreifen: Bitte überrascht uns Leserinnen doch mal wieder. Mit neuen Geschichten. Mit Figuren die auch das Geschlecht wechseln könnten und immer noch glaubhaft wären. Mit Frauen, die lieben, aber nicht durch einen Mann völlig vergessen, was sie ursprünglich vorhatten. Und bewahrt uns bitte vor Frauen, die es völlig normal finden, dass ein Mann sie stalkt oder sie nicht vor einer Vergewaltigung rettet. Das braucht nämlich wirklich niemand. Ihr glaubt das letzte Beispiel war jetzt weit hergeholt? Fragt doch mal bei Lektoren nach.

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